Kategorie: Herzenssachen

{Wow! Der Deutsche Lesepreis!} Ein paar Gedanken über die Bedeutung des Vorlesens

Stiftung Lesen. Deutscher Lesepreis. Preistraeger und Laudatoren

Stiftung Lesen/Amin Akhtar

Seit Mittwoch strahle ich wie ein Honigkuchenpferdchen. Denn ich habe in Berlin einen ganz besonderen Preis verliehen bekommen: den Deutschen Lesepreis, der von der Stiftung Lesen und der Commerzbank Stiftung jährlich verliehen wird. Dieser Preis zeichnet innovative Leseförderungsmaßnahmen in verschiedenen Kategorien aus.

deutscher Lesepreis

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Hin und wieder erzähle ich euch hier ja immer wieder auch ein wenig von der Lese- und Schreibwerkstatt in der ich Woche für Woche in meiner Freizeit mit Kindern und Jugendlichen in die Welt der Literatur eintauche und das mittlerweile schon seit einem ganzen Jahrzehnt. Für all die vielen Projekte die dort rund um Bücher und Geschichten entstehen, habe ich nun in der Kategorie „Herausragendes individuelles Engagement“ den ersten Platz überreicht bekommen. Und diese Ehrung macht mich tatsächlich nicht nur sehr sehr glücklich (ich sag nur Honigkuchenpferdchen) sondern sie bringt mich auch dazu, über die vielen Stunden in der Schreibwerkstatt besonders nachzudenken.

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Kindern vorzulesen, ihnen einen Zugang zur Literatur zu ermöglichen – aber auch Aktionen rund um Bücher zu erfinden und durchzuführen ist so in meinem Alltag und meiner Denkensweise verankert, dass ich da eigentlich gar nicht groß mehr darüber nachdenke. Es passiert einfach: wir gehen zum Beispiel im Wald spazieren und ich fange an Steine zu sammeln (werden Geschichtensteine) oder ich finde Zaubernüsse. Meine Tochter bückt sich mittlerweile auch schon nach allerlei. Mein Mann tut mir manchmal recht Leid, denn in unserem Keller stapeln sich Kisten, Kästchen, Boxen und vieles mehr weil ich irgendwo alles gebrauchen kann um Geschichten zum Leben zu erwecken. Entsetzer Ausruf Herr B.: „Was willst du denn mit der alten Spielzeugangel? Die brauchst du doch im Leben nicht?“ Ich: „Doch, genau so eine hab ich schon ewig gesucht. Damit angeln wir Gefühlsfische.“ Aber er erträgt die Sammelwut sehr tapfer und nun in Berlin war er so stolz, dass er mir in Zukunft wohl nachsieht, wenn sich die ein oder andere Kiste voller Erzählgegenstände (O-Ton Herr B.: Krempel) in unseren Keller einschleicht.

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Kindern vorzulesen, ist eines der einfachsten und doch nachhaltigsten Geschenke, die wir ihnen mit auf den Lebensweg geben können. Wenn wir uns die Zeit nehmen und mit ihnen Bücher betrachten, Geschichten vorlesen oder Märchen erzählen, dann ist es nicht nur die gemeinsam verbrachte Zeit.

Wir schenken Nähe, Geborgenheit. Wir geben Kindern die Möglichkeit ihren Wortschatz zu erweitern, wir ermöglichen ihnen eine positive Einstellung zum Lesen. Wir geben ihnen die Möglichkeit Fantasie zu entwickeln und lassen Geschichten in ihren Köpfen entstehen.

In Büchern finden Kinder Identifikationsmöglicheiten und Lösungsideen bei Konflikten. Wir kommen mit ihnen ins Gespräch und zeigen ihnen, dass uns ihre Meinung und ihre Gedanken wichtig sind.

Es gibt ein Zitat, das ich sehr liebe:

Du öffnest ein Buch. Ein Buch öffnet dich.

Dieses Zitat von Dschingis Aitmatov sagt mit wenigen Worten so viel darüber aus, was Bücher bei uns bewirken können. Bücher öffnen uns und unsere Kinder auf so vielfältige Art und Weise. Und leider ist es so, dass viele, viele Kinder nie in den Genuss kommen werden, von Büchern geöffnet zu werden: weil im Elternhaus nicht vorgelesen wird. Weil sie in diesem wichtigen Kleinkindalter nicht erfahren, wie wundervoll diese herrlichen Welten zwischen den Buchdeckeln sein können. Weil sie Bücher oft erst in der Schule kennen lernen und dort auch eine leistungsorientierte Art und Weise, die häufig mit Frust verbunden wird.

Deshalb ist es so wichtig, dass es Einrichtungen wie die Stiftung Lesen gibt, die eben auch Kindern aus lesefernen Familien die Chance geben, sich von Büchern öffnen zu lassen. Das Engagement der Stiftung Lesen beschränkt sich natürlich nicht nur auf die Leseförderung bei Kindern. Aber gerade für diese bietet sie unglaublich viele Möglichkeiten und Ideen. Und wer selbst aktiv werden möchte und zum Beispiel gerne als Vorlesepate aktiv werden möchte, der findet speziell im  Netzwerk Vorlesen viele Informationen.

Wenn ich an meine Kindheit denke, dann fällt mir fast direkt eine Erinnerung verknüpft mit einem Gefühl ein: ich liege eingekuschelt in meinem Bett, fest im Arm von meiner Mama die mir vorliest. Absolute Geborgenheit in diesem Moment! Wie oft habe ich die Geschichten im Anschluss weitergeträumt. Die Zeit, die meine Mama mir Abend für Abend geschenkt hat, um mir vorzulesen war so kostbar.

Nun, da ich selbst zwei kleine Kinder habe, sehe ich erst wie wertvoll diese Zeit ist, die sich Eltern fürs Vorlesen nehmen. Die Tage sind ausgefüllt und irgendwie scheint es auch nie genug Stunden für alles zu geben, was man erledigen möchte. Abends ist man selbst auch immer hin und wieder müde.

Und deshalb ist es tatsächlich ein Geschenk, das wir unseren Kindern machen, wenn wir uns trotz alledem die Zeit nehmen zum Vorlesen. Sie in den Arm nehmen, zusammen ein Buch aussuchen und gemeinsam in diese faszinierende Welt zwischen den Buchdeckeln eintauchen.

Ein Geschenk ist es für mich auch, Woche für Woche die Ideen die mir rund um die Welt der Bücher kommen, in der Lese- und Schreibwerkstatt mit meinen Leseratten umsetzen zu können. Wenn ich sehe, wie eine Geschichte in der Gruppenstunde lebendig wird oder wenn ich erlebe, was alles im Anschluss daran aus den Büchern heraus entsteht, bin ich jedes Mal fasziniert und ja… ganz einfach glücklich.

Der Deutsche Lesepreis, der nun in meinem Regal steht, ist für mich ein wundervolles Zeichen der Anerkennung aber auch der Anlass, mir Gedanken zu machen, wie ich die vielen Ideen die bei uns entstehen, noch besser weitergeben kann an Menschen, die ebenso gerne wie ich Geschichten, Zeit und Liebe an Kinder weitergeben und sie mit Büchern öffnen.

Seit ich aus Berlin zurück bin, füllen sich die Seiten in meinem Ideenbuch mit vielen neuen Möglichkeiten und Projekten und ich kann euch an dieser Stelle sagen, es wird in den nächsten Jahren wohl nicht langweilig werden.

Diesen Blogbeitrag möchte ich meinen kleinen und großen Leseratten und meinen wunderbaren Helfern widmen. Behaltet euch die Liebe zur Literatur bei!

Und ganz besonders sage ich an dieser Stelle dir Mama Danke, denn du hast mir  den Weg in die Welt der Literatur gezeigt und die ersten Schritte dorthin habe ich an deiner Hand unternommen.

Sollte zufällig eines der Jury-Mitglieder jemals über diese Zeilen stolpern, so sage ich ganz herzlich Danke! Ich bin sehr gerührt, dass mir diese Auszeichnung verliehen wurde.

Ich wünsche euch allen einen schönen ersten Advent.

Wie immer die süßesten Grüße

Christine

Und ein abschließendes Dankeschön an Ulrich Commerçon, unseren saarländischen Minister für Bildung und Kultur. Spontan am Flughafen getroffen, habe ich gleich die Gelegenheit genutzt um ein Foto mit Minister und Preis zu machen.

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{Wolle für Flüchtlinge} Kleine Gesten die nachwirken

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Manch einer hat ja vielleicht schon mitbekommen, dass ich zur Zeit Wolle, Stricknadeln, Häkelzubehör und nun auch ganz neu Nähnadeln und -garn für die Flüchtlingsfrauen im Erstaufnahmelager Lebach sammele.

Ergeben hat sich das ganz nebenher aus der Kuchenaktion die ich vor einigen Wochen mit ein paar wirklich tollen Helferinnen und engagierten Frauen dort gemacht habe. Eine der Helferinnen, die sich im Lager ganz stark engagiert, erzählte mir, dass sehr viele Frauen gerne handarbeiten würden. Das brachte mich zum Nachdenken und mein eingebautes Sammlergen wurde aktiviert.

Wenn man den ganzen Tag auf engstem Raum mit anderen Menschen sitzt, kaum Möglichkeiten hat, etwas zu tun: wie schön müsste es da sein, ein wenig zu handarbeiten. Und so kam ich auf die Idee, gezielt nach Wolle und anderen Handarbeitsmaterialien zu suchen. In kurzer Zeit kamen viele Spenden zusammen und an dieser Stelle möchte ich all denen ein ganz herzliches Dankeschön senden, die mir Wolle und ähnliches vorbeigebracht, teilweise auch geschickt haben.

Dann berichtete die Saarbrücker Zeitung über die Aktion und auch hierauf erfuhren wir einen weiteren tollen Spendenboom. Vergangenen Donnerstag konnten meine Mama und ich zusammen mit meinem kleinen Backfräulein so das erste Auto voller Handarbeitssachen packen und ins Lager fahren.

Dort angekommen bekamen wir erst einmal Helferwesten und packten dann Kiste für Kiste aus und machten uns auf den Weg, die Wolle an die Frau zu bringen. Wir gingen einfach drauf los, sprachen (mit Händen und Füßen) die ersten Frauen an und waren schon bald umringt von strickbegeisterten Frauen. Und dann ging alles ganz schnell: während ich von Handarbeiten ja absolut gar keine Ahnung hatte und eher für das Erklären zuständig war (ich hätte mir vorher mal anschauen sollen was Wolle, Stricken oder Häkeln auf Englisch bedeuten), konnte meine Mama zielsicher die richtigen Nadeln herausgeben und das Backfräulein war in diesem Fall das Nadelmädchen, das den Beutel mit den ganzen Nadeln trug und verwaltete.

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Es hat uns sehr bewegt, wie dankbar die Frauen waren. Sie zeigten mit den wenigen deutschen Worten die sie schon kannten und auch mit vielen Gesten, was ihnen diese Aktion bedeutet hat. Und wir waren sehr gerührt, zu sehen, was man tatsächlich mit solch kleinen Gesten bewirken kann.

Selbst einige junge Männer konnten wir froh machen, die gerne einige der dickeren Nähnadeln für Tätowierungen nutzen wollen. Sicherlich auch eine Art der Beschäftigung und ich musste sehr schmunzeln, als ich endlich kapiert hatte, was mir die jungen Männer mitteilen wollten, als sie sich immer wieder auf den Arm mit dem Finger klopften. Aber auch die Frauen waren mit den wenigen Nadeln die wir hatten sehr dankbar und zeigten uns, dass sie damit kleine Löcher etc in der Kleidung flicken wollten.

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Deshalb suchen wir nun auch zusätzlich noch Nadel und Faden und was sicherlich ganz super wäre: es gibt doch diese kleinen Nähsets für unterwegs mit einigen Nadeln, Knöpfen, Garnen: so etwas könnten wir sehr gut zum Verschenken gebrauchen. Wolle etc suchen wir natürlich auch weiterhin.

Was mich sehr bewegt hat, waren kleine Gesten der Flüchtlinge: sie, die selbst nichts haben, schenkten meiner Tochter z. B. Luftballons. Ein kleines Mädchen kommt und hält uns eine Tafel Schokolade hin, die sie mit uns teilen möchte, weil wir ihrer Mama Strickwolle geschenkt haben.

Das sind Momente, die im Herzen einfach bleiben.

Als alle Wolle verteilt war, habe ich noch ein paar Kindern Glitzertatoos gemacht. Auch hier war meine Tochter eifrig am helfen.

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In den letzten Tagen spricht sie sehr viel von den Flüchtlingen. Es macht sie sehr nachdenklich, was es für die Kinder bedeutet, alles zurück zu lassen. Wir reden viel darüber und heute erzählt sie mir vor dem Kindergarten, dass sie in ihrem Zimmer mal schaut, was sie alles nicht mehr braucht und was Flüchtlingskinder viel mehr brauchen könnten. Und auch ich durchforste meine Schränke und stelle fest, wie viel ich habe. Suche Dinge zusammen, die anderswo dringender gebraucht werden und bin von einer tiefen Dankbarkeit erfüllt, dass ich in einem solchen Land wie Deutschland leben kann.

Dass ich meine Kinder in friedlichen Zeiten großziehen kann, dass sie genug zu essen, zu spielen und vieles mehr haben. Dass sie ohne tiefe Ängste aufwachsen können.

Wer noch nie in einem Lager war, kann sich gar nicht vorstellen, was es bedeutet, dort leben zu müssen und wenn es nur für einige Wochen ist. In den Zelten stehen die Betten (drei Etagen übereinander) dicht an dicht. Es gibt keine Privatsphäre. Dazu kommen die Ängste und Sorgen, wie es Familien und Freunden geht, die man zurück lassen musste. Nie hat man Ruhe, es gibt keinen Platz, der nicht irgendwie belegt ist.

Und gleichzeitig sehe ich, wie viele Menschen sich dort einbringen. Jeder auf seine Art: beim Spielen mit den Kindern, beim Sortieren der Spenden oder bei der Ausgabe der Kleider. Es gibt so viel zu tun und zu organisieren und ich bin mehr wie beeindruckt, wie viele Menschen sich dort gerade engagieren.

Wir suchen also weiter Spenden und freuen uns über jeden, der unsere Aktion unterstützt. Und auch hier habe ich noch eine kleine Anekdote, die ich sehr rührend fand. Eine alte Frau bringt meiner Mama Stricknadeln vorbei und gibt ihr dann noch zwanzig Euro um Wolle zu kaufen, weil sie doch keine Wolle hat, aber sich vorstellen kann, wie gerne die Frauen stricken wollen.

Süße und vor allem auch nachdenkliche Grüße

Christine